Bericht von der Irchel-Tagung der SGGP "Heraus aus dem Pflegenotstand"
Die Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik SGGP findet dieses Jahr unter dem Titel „Heraus aus dem Pflegenotstand“ statt.
Durch die Tagung führt der Geschäftsführer der SGGP Stephan Hill.

Die erste Rednerin des Tages ist die Geschäftsführerin des SBK, Elsbeth Wandeler. Ihr Vortrag steht unter dem Titel "Pflegenotstand: Die Probleme sind hausgemacht"
Der Vortrag beginnt mit einer Situationsanalyse und die Rednerin stellt fest, dass Pflegenotstand nichts Neues ist und in den letzten 20-30 Jahren immer wieder Thema war. Als einige der Hauptprobleme heute sieht Wandeler die Überalterung der Gesellschaft und die kurze Verweildauer in der Pflege von durchschnittlich nur 12 Jahren. Sie weist, wie auch einige der folgenden ReferentInnen, auf die Untersuchung des OBSAN hin (siehe auch Meldung „In der Schweiz benötigen die Institutionen im Gesundheitswesen zukünftig 25'000 zusätzliche qualifizierte Fachkräfte“).
Wandeler geht auf das Image des Pflegeberufes ein, das immer noch sehr gut ist. Die Pflege steht bei Umfragen in der Bevölkerung an 3. Stelle in der Beliebtheitsskala.
Dem steht entgegen, dass der Beruf auf der Imageskala von 16 Berufen an vorletzter Stelle steht (siehe Bericht von Bildung Schweiz „Positiv? Negativ? – Das Image des Lehrberufs“ >>)
Einen Grund dafür, dass der Pflegeberuf so wenig attraktiv ist sieht die Referentin darin, dass der Beruf zu stark reglementiert ist. Ihrer Ansicht nach sollte der Pflegeberuf, wie derjenige der Hebammen, ErgotherapeutInnen und PhysiotherapeutInnen, grundsätzlich auf der Fachhochschulebene angesiedelt sein. Die Ansprüche an den Pflegeberuf sind heute genauso hoch wie bei den anderen Berufsgruppen.
Zum Thema der kurzen Verweildauer im Beruf zitiert Wandeler die NEXT Studie: "Pflegepersonal: Durchschnittliche Verweildauer in einer Einrichtung" (hier finden Sie den Bericht >>)
Zur Situation in der Schweiz wurden mehrere Untersuchungen gemacht, die aber meistens keine nennenswerten Konsequenzen hatten. Wandeler weist speziell auf die "VAP Studie des GEF Kanton Bern" hin, die zeigt, dass viele den Personalmangel als stark belastend empfinden. Häufigste Kündigungsgründe sind Arbeitsüberlastung und ungenügender Lohn. (Hier finden Sie den Bericht zur Studie >>)
Als aktuelle Faktoren die den Pflegenotstand begünstigen sieht die Referentin die Bildungssystematik, strukturelle Veränderungen in der Ausbildung, die Diskrepanz zwischen den Ausbildungen und dem Praxisalltag und die Einführung der Fallpauschalen DRG in den Spitälern.
Grossen Handlungsbedarf sieht Wandeler bei der Einführung der DRG. Sie weist auf Unterschriftenbogen einer entsprechenden Petition hin (hier geht es zum Petitionsbogen >>).
Zum Abschluss plädiert Wandeler dafür, schweizerische Lösungen für den Pflegenotstand zu finden und diese nicht im Import von Personal aus dem Ausland zu suchen.
Den zweiten Vortrag hält Prof. Rebecca Spirig. Er ist überschrieben mit dem Titel " Fachlich-inhaltliche Herausforderungen zur Bewältigung des Pflegenotstandes"
Die Referentin schickt voraus, dass sie vor allem auf die inhaltlichen Herausforderungen eingehen wird. Sie betrachtet den Pflegemangel im Kontext von komplexen Patientenbedürfnissen und stimmt der Vorrednerin zu, dass dieser nicht neu ist, jedoch zeigt er sich momentan in einem veränderten Kontext.
Dass Pflegepersonal aus dem Ausland rekrutiert wird ist eine Tatsache, so beträgt der Anteil ausländischer Pflegender in Basel bis zu 50%. Auch Spirig weist auf die demografische Entwicklung hin, die es u.a. mit sich bringt, dass es mehr Chronischkranke geben wird. Der vermehrte Einbezug der Patienten ist wichtig und entspricht einem Bedarf in der Bevölkerung. Pflege muss gegenüber der Politik und allen anderen Playern im Gesundheitswesen zu einem wichtigen Faktor werden.
Als eine wichtige Massnahme sieht die Rednerin die gezielte Fach- und Personalentwicklung auf den verschiedensten Ebenen im Gesundheitswesen, wobei jedoch immer die Patientenbedürfnisse im Mittelpunkt stehen müssen. Ein Wirksamkeitsnachweis muss nicht nur den ärztlichen, sondern auch den pflegerischen Handlungen zugrunde liegen. Es braucht innovative Versorgungsmodelle wie zum Beispiel Case Management und präventive Hausbesuche.
Wichtig ist auch die partnerschaftlich multidisziplinäre Zusammenarbeit. Die Forschung auf diesem Gebiet zeigt längst in aller Deutlichkeit, dass dies zu besserer Qualität führt, dennoch hapert es in der Praxis noch mit der Umsetzung dieser Erkenntnisse. Unentbehrlich für die Förderung einer engeren Zusammenarbeit ist die Unterstützung der obersten Ebene in den Institutionen.
Am Universitätsspital Basel (USB) wurde ein 6-stufiges „Karrieremodell Pflege“ entwickelt, so dass Pflegende dort alle Karriereschritte machen können ohne den Arbeitgeber zu wechseln. Spirig ruft dazu auf eigene ähnliche Modelle zu entwickeln, diese aber auch gegenseitig verfügbar zu machen um so voneinander zu lernen. Sie weist auf die US-Amerikanischen Magnetspitäler hin wo die Belange der Patienten höchste Priorität haben und Autonomie und Verantwortlichkeit der Pflege klar festgelegt ist. Hier gibt es tiefere Burnout Raten und eine deutlich grössere Arbeitszufriedenheit.
Für Verbesserungen braucht es Daten. Daher werden im USB laufend Monitorings durchgeführt und diese zu erheben. Das dient dazu entsprechende Entwicklungen einzuleiten um die Pflegequalität und die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen.
